Vision einer transparenten Verwaltung

Vision einer transparenten Verwaltung

23 Oct, 2015 |
Berlin Eventbranche Finanzen Kommentar Kultur Open Source

Dieser Artikel ist erstmals im ‚Kulturförderbericht 2014 des Landes Berlin‚ erschienen.

Transparenz ist der natürliche Feind der Bürokratie. Akten, Vorgänge und Vermerke bilden immer noch den Alltag in den Amtsstuben. Doch es bewegt sich was. Durch das größere Verlangen der Bürgerinnen und Bürger nach Zugang zu Informationen der öffentlichen Hand entwickelt sich ein Markt für offene Daten und mehr Transparenz. Die staatlichen Institutionen müssen lernen damit umzugehen und dürfen sich nicht verstecken – denn die Entwicklungen stehen erst am Anfang. Es bilden sich große Chancen für eine neue Epoche der Kooperation. Eine Übersicht.
Die Digitalisierung verändert jede Lebenswirklichkeit und in jede Altersklasse hinein und fragt nicht nach Kontext, Vision oder Rahmenbedingungen. Sie findet statt. Kern der Umwälzung ist die Sichtbarkeit und Verfügbarkeit von Daten, Informationen und Strukturen. Man muss die Digitalisierung nicht verstehen, während sie das eigene Leben, die Arbeitswelt und die Kultur verändert und prägt. Besser ist es, sich die Tugenden der Offenheit und Allgegenwart des digitalen zu nutze zu machen oder zumindest das Ohr auf der Schiene zu haben auf der die nächste Disruption stattfindet. Auf diese Sorte von Game Changern sind vorhandene Strukturen meist nicht vorbereitet.
Kulturfoerder
Verwaltungen sind statische Gebilde – in Form gegossene Demokratie im Wortsinn. Sie steuern und definieren Prozesse und verbindlich scheinende Abläufe für die Allgemeinheit. Durch ihre Verfasstheit und Struktur ist sie das genau Gegenteil von agilem oder veränderungs-bezogenem Handeln. Dabei ist sie ein stark handelnder Akteur, denn sie führt politische Vorgaben aus, muss aber mittel oder langfristig auch mit diesen leben können, so wie es ihren Vorgaben entspricht. Dabei bleiben Bürger und Akteure, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, schnell auf der Strecke. Die Balance zwischen Sicherheit (Verwaltung) und Flexibilität (Kreative) muss für jeden Akteur sichergestellt werden, denn nur über Planbarkeit entsteht Verbindlichkeit.
Doch was sind konkrete Schritte um mehr Transparenz und öffentliche Verfügbarkeit von Ressourcen und Angeboten der Kulturverwaltung in Berlin zu erlangen? Ein wichtiger und wegweisender Schritt ist die Veröffentlichung von Metadaten und deren Lizenzierung unter offenen Lizenzen. Auf der einen Seite sollten die Zahlen und Fakten also maschinenlesbar der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Damit können neue Visualisierungen und Darstellung und somit ein besserer Zugang für die Bürgerinnen und Bürger geschaffen werden. Auf der anderen Seite ist es jedoch wichtig, dass diese Daten auch offen und nachhaltig lizenziert sind, denn nur dann werden sich Menschen motivieren lassen, mit den Daten auch etwas zu tun. Denn nicht nur die Verfügbarkeit ist wichtig, sondern auch das klare Angebot, dass mit den Daten gearbeitet werden soll und darf. Dadurch kann ein neuer Resonanzraum zwischen der Zivilgesellschaft und der öffentlichen Hand entstehen, der Vertrauen und Verständnis auf beiden Seiten fördert.
Hierfür müssen interne Schritte der Verwaltungsspitze klar und verständlich kommuniziert werden. Nehmen sie die die Arbeit machenden MitarbeiterInnen genauso mit wie die Akteure des Handlungsfeldes in dem sie agieren. Die MitarbeiterInnen sind in der Lage als Plattform für die Bürgerinnen und Bürgern zu dienen die sich für ihre Aufgaben und Handlungen interessieren. Hier entsteht schnell Überforderung die durch gute Kommunikation verhindert werden kann.
Parallel zu der transparenteren Verwaltung gilt es neue Ansätze für die Vergabe von Mitteln der Kulturverwaltung aufzubauen. Dabei können Methoden aus dem Crowdfunding Anwendung finden. Warum werden nicht Bürgerinnen und Bürger mit in Vergabeentscheidung einbezogen? Die dafür notwendigen Onlineplattformen stehen schon zur Verfügungen. Der dafür notwendige Perspektivwechsel kann durch Pilotprojekte und Tests begleitet werden. Auch hier gilt: Nachhaltigkeit ist wichtiger als Schnelligkeit der Implementierung.
Transparenz ist nicht nur Digital! Einen Strategie der Offenheit schafft auch Orte. Warum schaffen wir keine Struktur des „Public Working“ (Analog zum Co-Working)? Also physische Raume für die Projekte die gefördert werden. Dort kann die Verwaltung mit ihnen zusammen arbeiten und die Projektverläufe fortwährend zu verfolgen. Für die Öffentlichkeit eine spannende neue Perspektive und für die Projekte eine tolle Unterstützung.
Dabei gilt natürlich immer: Öffentliche Evaluationen von Jury- oder anderen kreativen Vergabeentscheidungsprozessen müssen Standard der Kulturpolitik werden. Dadurch entstehen ganz neue Dynamiken die den Kulturbetrieb beleben. Es kann ein Wettlauf der Möglichkeiten ausgerufen werden zwischen den saturierten Häusern und Spielstätten, die vermeintlich die Lesart und den Taktstock inne haben, und den Plätzen, Technologien und Gruppen abseits dieser Zirkel. Collaboration und Teamplay ist das Gegenteil Neid und Missgunst. Zur Transparenz gehört also auch Respekt und Verständnis für die jeweiligen anderen Akteure.
Transparenz bedeutet auch Sicherheit. Sowohl für die eigenen Planungen von Projekten und Orten als auch über die Rahmenbedingungen. Heute sind die komplizierten und lähmenden Abrechnungs- und Beantragungsmodalitäten von Projekten einer der Hauptgründe überhaupt nicht am öffentlich unterstützten Kulturbetrieb teilzunehmen.
Strukturen und Institutionen scheinen sich durch ihre Verfasstheit den Nimbus des Solitärs entwickelt zu haben und sind somit nicht auf die Kollaboration und Zusammenarbeit vorbereitet und in diesem Sinne vernetzt.
Die bedingungslose Kultur der Offenheit und Transparenz der digitalen Welt muss sich in der Strategie und Meinungsfindung der Kulturpolitik widerspiegeln und den fluiden Prozessen und Akteursstrukturen ihren Raum lassen und nicht die verschiedenen Sektoren der Künste gegeneinander ausspielen. Hierfür sind Investitionen und agile Konzepte gefragt.
Dabei darf nicht gelten – das war doch schon immer so – sondern: wie wird es in der Zukunft sein? Können wir langfristig finanzierte Orte und Institutionen erhalten wenn sie permanent als ‚elitäre‘ und ‚über finanzierte‘ Institutionen in der Öffentlichkeit dargestellt werden?
Nein! Deshalb muss die offensive Forderung einer transparenten Kulturpolitik und Verwaltung die Forderung sein, den Kulturetat zu verdoppeln und dieses Geld in die digitale Kultur zu investieren.
Mitunter verhält sich die Entwicklung zwischen vermeintlicher Hochkultur und Underground wie bei Stalaktiten und Stalagmiten. Es dauert sehr lange bis sie sich näher kommen oder gar berühren. Die Geschwindigkeit steht in keinem Zusammenhang mit den Bedürfnissen der einzelnen Akteure. Hier kann die Berliner Mischung aus beidem, einzigartigem Kulturbetrieb und internationalen Akteuren, einen Grundstein legen für langfristige Projekte und Vereinbarungen. Transparenz zu leben ist hierfür ein fundamentaler Baustein. Integrierende Strukturen die für alle klare Regeln aber auch klare Möglichkeiten der Einflussnahme bieten müssen aufgebaut und etabliert werden. Die dafür notwendigen Mittel, aber auch die notwendigen Freiräume müssen den Verwaltungsmitarbeitern eingeräumt werden.
Diese neue Form des ‚Cultural Gouvernance‘ muss sich mehr an Strukturen und Anforderungen orientieren und somit einen nachhaltigen Ansatz pflegen. Dabei dürfen – ja müssen – Fehler gemacht werden dürfen um den Neuerungen und Veränderungen auch den Freiraum zu geben um sich zu entwickeln. Über die konkreten Methoden und Herangehensweisen müssen sich die Akteure in einem offenen und partizipativen Prozess verständigen.
Wenn also alle Akteure einbezogen werden. Wenn die Politik der Verwaltung den klaren Auftrag erteilt und die Ressourcen zur Verfügung stellt und Orte, Online- und Offline entstehen in denen Partizipation und Transparenz gelebt und gearbeitet werden kann, dann entsteht im besten Sinne eine neue Kulturpolitik und eine zukunftsfähige Struktur. Mag der Weg dorthin auch noch viel Zeit und Geld benötigen. Er ist alternativlos.
ANDREAS GEBHARD
ist Unternehmer in der Kreativwirtschaft und Geschäftsführer der re:publica.

[Dieser Artikel ist erstmals im ‚Kulturförderbericht 2014 des Landes Berlin‘ erschienen. Für die Erstellung hat der Autor ein Honorar erhalten.]

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